Ein Urner sieht rot

Ein Urner sieht rot

Manchmal hilft nur noch Beten

Ein Urner sieht rot: Gregor Poletti, Texter von Blatthirsch nimmt als stv. Nachrichtenchef der Berner Zeitung in seinen Kolumnen regelmässig die Berner und auch ein bisschen die Urner auf die Schippe.

Als ich vor über 30 Jahren meine Studienjahre in Bern begann, erschien mir so einiges schleierhaft. So wurde ich von einer ausnehmend hübschen Kommilitonin zum «Schlööfle» eingeladen. Ups. Für mich, den Bergler, tönte das nach einem Schäferstündchen. Die Berner schafften es immer wieder, mich zu verunsichern. Die tiefere Bedeutung gewisser Ausdrücke erschloss sich mir oft erst viel später. Etwa der Begriff «Liiren». Ich wusste natürlich, dass die Berner langsam sprechen, schliesslich bringen sie es auf nur fünf Silben pro Sekunde. Die übrigen Schweizer hetzen mit sechs und mehr Silben durchs Leben. Aber «Liiren» bedeutet nicht zwangsläufig langsam sprechen – das wurde mir schnell klar.

Anfang der 90er Jahre verlegte ich mein Wirkungsfeld erneut nach Bern, dieses Mal als Bundeshauskorrespondent für eine Innerschweizer Tageszeitung. Nun war ich felsenfest überzeugt, dass ich dem Ursprung von «Liiren» auf die Schliche gekommen war. Die Berner hatten sich offensichtlich die Kommunikationsart von Beamten und Politikern einverleibt: Wenn jemand endlos labbert, dann ist er eben am «Liire».

Aber das war immer noch nicht des Pudels Kern. Erst im Redaktionsalltag der Berner Zeitung erfuhr ich die wahre Bedeutung von «Liiren» – und zwar am eigenen Leib. Sportredaktoren und die meisten übrigen Berner Journikollegen schoben nach einer Partie, welche die Fussballer des Hausklubs wieder einmal «veryoungboyslet» hatten, ein kleines Depressiönchen. Doch damit nicht genug. Es artete regelmässig in ein kollektives Gejammer aus, das sich meist über Tage hinzog und die Betroffenen auch beim Feierabendbier nicht mehr los lies. Und die Berner sind richtig kreativ, wenn es darum geht, ein Jammerlied auf YB anzustimmen: So wird der letzte Cupsieg vor 30 Jahren so ausführlich zelebriert, dass man nicht umhinkommt, auch ohne aktuelle Niederlage ins «Liiren» zu verfallen.

Liebe Berner, auch wir in Uri sind am «Liirä». Nur machen wir das äusserst selten – lieber schweigen wir oder murmeln etwas Unverständliches in den Bart. Wir liiren hingegen, wenn wir uns nur noch durch ein intensives und langes Gebet Erlösung erhoffen. Das kann ich nur empfehlen, gerade bei scheinbar hoffnungslosen Fällen wie YB. Die Vorteile sind offensichtlich: man kann es alleine machen, strapaziert in Gesprächen mit Nichtbernern deren Nerven nicht und findet schnell den Schlaf.

Weiterführende Links:

Kolumne in der Berner Zeitung