Ein Urner sieht rot

Hütet euch am Gotthard

Ein Urner sieht rot: Gregor Poletti, Texter von Blatthirsch nimmt als stv. Nachrichtenchef der Berner Zeitung in seinen Kolumnen regelmässig die Berner und auch die Innerschweiz ins Visier seiner Beobachtungen.

Das Gejammer aus dem Tessin beginnt zu nerven: Die Einwohner und im Besonderen die Politiker des Südkantons beklagen auf allen Kanälen, dass sie seit 1999 keine Vertretung mehr im Bundesrat hätten. Insgesamt stellten sie bisher sieben Bundesräte. Die Romands sind keinen Deut besser und reklamieren sekundiert von der Parteileitung den frei werdenden Sitz für die lateinische Schweiz – also wenn es kein Tessiner sein soll, dann bitte schön wenigstens ein weiterer Romand. Die waren seit Anbeginn der modernen Schweiz ununterbrochen in der Landesregierung vertreten.

Grund zum Jammern hätte eine andere Region, nämlich die der Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden (Ob- und Nidwalden). Von den 86 bisherigen Bundesräten stammte nur einer aus der Wiege der Eidgenossenschaft, der Obwaldner Ludwig von Moos (1959–1971). Das Pech der Urkantone war, dass sie als Verlierer aus dem Sonderbundskrieg hervorgingen und man die katholisch konservativen Störenfriede vorerst einmal nicht in der Landesregierung wollte. Das erste Fenster tat sich 1891 auf, als der Aargauer Bundesrat Emil Welti überraschend zurücktrat. Eigentlich war man sich einig, dass es der Urner Gustav Muheim sein sollte und mit ihm erstmals ein Vertreter aus dem katholisch-konservativen Lager. Dies aufgrund der Tüchtigkeit und Mässigung des studierten Philosophen und Rechtswissenschaftlers. Doch Muheim war zu bescheiden und wollte den Kanton Uri nicht verlassen.

Diese Bescheidenheit würde anderen Kantonen und ihren politischen Vertretern auch heute noch gut anstehen. Denn als Ende des letzten Jahrhunderts die Kantonsklausel fiel, fiel auch die Zurückhaltung der grossen Kantone: Bern und Zürich hatten seitdem schon einmal eine Zweiervertretung im Bundesrat. Das ist ja okay,  wenn es sich auch wirklich um die besten und integersten Köpfe des Landes handelt – nur war und ist das leider nicht der Fall.
Die Tüchtigkeit und die Mässigung vieler Urschweizer sind zwar angenehme Charaktereigenschaften. Aber wehe, man kostet diese zu sehr aus. Dann belässt es insbesondere der Urner nicht beim Jammern und droht unverhohlen damit, Felsbrocken auf die Autobahn zu werfen. Oder man erinnere sich an die Schlacht bei Giornico im Jahre 1478: Durch diesen Sieg wurden die Urner fast drei Jahrhunderte lang uneingeschränkte Herren über die Leventina, den oberen Teil des heutigen Tessins. Also hütet euch am Gotthard.

Weiterführende Links:

Kolumne in der Berner Zeitung