Kolumne Urner Wochenblatt

Saus und Braus

Was war das für eine Euphorie! Diese zünftige Musik, diese überschwängliche Freude … Im Festzelt drehten sich tanzende Pärchen vor der Bühne. An langen Tischen sassen Schächentaler, Altdorfer und Urschner glücklich vereint. Man verteilte sich Küsschen und nette Komplimente für die Lederhosen und das Dirndl. Selbst für das Verschütten des Bieres erhielt man wohlwollendes Schulternklopfen vom Tischnachbar. Kein Wunder, war viel lokale Prominenz am sechsten «Ürner Oktoberfest» zugegen. Schon am späten Nachmittag standen Profisportler, Regierungsräte, Wirtschaftsführer und Liebhaber des Gerstensafts gemeinsam auf den Bänken und sangen «Atemlos» von Helene Fischer im Chor.

Ein Fest im Geiste der Glückseeligkeit kam den Urnern gerade gelegen. Schliesslich gehören sie zu den sichersten Autofahrer der Schweiz. Einheimische Lenkerinnen und Lenker verursachen rund einen Viertel weniger Kollisionsschäden als im Landesschnitt. Urner haben auch die tiefsten Medikamentenkosten. Arnold, Gisler, Jauch und Walker rennen nicht wegen jedem Wehwehchen zum Arzt. Auch finanziell hat das Leben zwischen Urnersee und Gotthard seine Vorteile: Nach Abzug der Steuern, Krankenkassenprämien und Mieten bleibt den Urnern Ende Monat am meisten Einkommen für einen dritten, vierten oder fünften Masskrug übrig.

Die Urner sind stolz auf die neue Lebensart. Sie geniessen es, plötzlich als Gewinner dazustehen. Shoppingfahrten im Zug mit der Familie nach Mailand werden eingeplant. Urner rüsten sich für spannende Arbeit bei einem «Globale Player» in der Werkmatt Uri und freuen sich auf grenzenloses Skivergnügen zwischen Sedrun und Andermatt. Man wähnt sich auf der Sonnenseite des Lebens. Urnerinnen und Urner sehen sich als Hochbegabte, als Wunderkinder und Überflieger aus den Bergen.

Das Fliegen blieb mir leider nicht erspart. Schunkelnd verlor meine Bankreihe kollektiv das Gleichgewicht. Die Brezel blieb mir vor Schreck im Halse stecken. Der Fall auf die dunkel geteerte «Wiesn» holte mich auf den Boden der Realität zurück. Mein Promille-Rausch wich der Ernüchterung. Die Allgemeinheit in karierten Hemden blieb jedoch unbeeindruckt und sang tapfer weiter: «Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle? …».

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